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„Pforzheimer Zeitung“

Ein Schnitt sagt mehr als tausend Worte

 

Familie Hölle gibt nach 110 Jahren ihren Friseursalon auf. Zuletzt führte ihn René Hölle als Gehörloser mit Meisterbrief.

 

Seinen Kunden schaute René Hölle in seinen 43 Jahren als Friseur immer zuerst auf den Mund, bevor er die Haare genauer inspizierte. Dabei las er ihnen buchstäblich von den Lippen ab, welcher Haarschnitt, welche Farbe oder Behandlung ihnen vorschwebt. In den vergangenen Monaten wurde das aber immer schwieriger. „Mit der Maske im Gesicht, habe ich nicht verstanden, was sie wollten“, sagt der 58-Jährige, der seit seiner Kindheit gehörlos ist. Geholfen habe ihm da seine Mitarbeiterin. Bis zum 31. Oktober – da war nach 110 Jahren Schluss beim Friseur Hölle.

 Kehrt seinem Salon den Rücken: Friseurmeister René Hölle schließt den Familienbetrieb an der Hohenzollernstraße.

 

Betrieb in die dritte Generation

 

An Corona, so unterstreicht der Friseurmeister, habe die Entscheidung zur Geschäftsaufgabe nicht gelegen. Auch, wenn die rosigen Zeiten seines Handwerks schon länger vorbei seien. „Es war immer ein Auf und Ab, in letzter Zeit mussten wir immer härter kämpfen“, sagt Hölle. Viel mehr wird er sich nun mehr um seine pflegebedürftigen Eltern kümmern, von denen er 1996 den Salon in der Hohenzollernstraße 68 übernommen hatte. Sein Sohn, ein Hörender, wollte den Betrieb nicht übernehmen. Für den Vater kein Problem – auch wenn mit eine lange Geschichte zu Ende geht.

„Ich kann beim Arbeiten nicht viel reden, da ich ja auf die Haare schauen muss und keine Lippen lesen kann“    

René Hölle, Friseurmeister

 

„Wir waren immer in der Nordstadt“, berichtet Hölle, der das Geschäft in dritter Generation führte. Gegründet worden war der Salon von seinem Großvater Franz Hölle 1910 an der Ecke Salier- und Ebersteinstraße. Nach der Wirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg – in der Nacht vom 23. Februar 1945 waren die Geschäftsräume an der damals neuen Adresse Güter- /Ecke Ebersteinstraße, völlig zerstört worden, weswegen man wieder umziehen musste. René Hölles Vater Rolf erinnert sich, dass der Betrieb damals in einer Wohnung im dritten Stock der Ebersteinstraße 26 nur schleppend wieder anlief. Die Kunden mussten Holz und Handtücher selbst mitbringen, wenn sie die Haare warm gewaschen haben wollten. Doch mit dem Nachkriegsjahren kam das Wirtschaftswunder, das auch die Hölles erreichte, die – nach vielen Jahren an der Ebersteinstraße 12 – 1989 den Laden an der Hohenzollernstraße kauften.

 

Abendschule mit Übersetzung

 

„Ich hatte bis zuletzt viele Stammkunden, die noch zu meinen Eltern gekommen waren“, sagt René Hölle. Doch auch er selbst habe sich einen treuen Kundenkreis aufgebaut. Darunter viele Gehörlose, die auch von außerhalb Pforzheims zu ihm gekommen seien. Seine Lehre, so erinnert sich Hölle, sei aufgrund seiner Beeinträchtigung nicht immer einfach gewesen. Zum Meisterbrief schaffte er es mithilfe seines Vaters. „Er kam immer mit in die Abendschule und übersetzte mir, was der Lehrer sagte – ich hab ja nichts verstanden“, erinnert er sich.

 

Bis auf die für einen Gehörlosen besonders arbeitsintensiven Lehrjahre habe es aber im Berufsleben aufgrund seiner Einschränkung überraschend wenig Probleme gegeben. „Ich habe es den Kunden immer gleich am Anfang erklärt“, sagt er. Auf die Frage, ob manch einer nicht nur wegen seiner Haarschneidekunst, sondern auch wegen der ungewöhnlichen Stille im Vergleich mit den von Smalltalk geprägten Salons gekommen seien, lacht er nur. „Ich kann beim Arbeiten nicht viel reden, da ich auf die Haare schauen muss und keine Lippen lesen kann“, sagt das Vorstandsmitglied des Gehörlosenvereins Pforzheim. Diesem Amt will er sich auch künftig, neben der Pflege seiner Eltern, intensiver widmen.
Pforzheim. Diesem Amt will er sich auch künftig, neben der Pflege seiner Eltern, intensiver widmen.

René Hölle räumt das Geschäftsräume & die Mobiliar zu verschenken.

 

Die Geschäftsräume übernimmt ein benachbarter Unternehmer. Für Hölle ein gutes Gefühl, der für sich den richtigen Abschluss gefunden hat. „Ich war jetzt 25 Jahre selbstständig – das ist ein guter Zeitpunkt, um aufzuhören.“ Das Mobiliar hat er verschenkt, nur das Telefon, das klingelt noch immer. Eine Bandansage klärt über die Schließung auf. Am Ende steht der Dank an die Kunden, der Hölle persönlich wichtig ist. Ohne sie und die Mitarbeiter, sagt er, wären die 110 Jahre unmöglich gewesen.

 

- Jeanne Lutz -


„Pforzheimer Kurier“

Nach 110 Jahren voller Haarschnitte ist Schluss

 

Friseur Hölle gibt das Traditionsgeschäft in der Nordstadt auf / Konkurrenzdruck wird härter

 

„Wir haben vielen Stammkunden, größtenteils ältere Leute.“ René Hölle (58) grinst, als sein Vater Rolf Hölle (87) das im Freisitz seines Hauses in Büchenbronn sagt. Dass Rolf Hölle in der Gegenwartsform vom Friseursalon Hölle in der Nordstadt von Pforzheim redet, hängt sicher auch damit zusammen, dass der Senior vielleicht noch nicht ganz realisiert hat oder realisieren will, dass sein Sohn das Geschäft geschlossen hat. Für immer. Nach 110 Jahren Friseur Hölle ist nun seit vergangenem Monat Schluss. Das Licht ist aus, die Schaufenster in der Hohenzollernstraße 68 verhangen und dunkel.

 

„Ein guter Zeitpunkt zum Aufhören.“ René Hölle Friseurmeister

 

Vor ein paar Jahren schon habe er sich Gedanken darüber gemacht, erzählt der gehörlose Friseurmeister René Hölle, der den Salon in dritter Generation führte. Die Zeiten wurden, so schildert er es, nicht wegen Corona, sondern ohnehin angesichts vieler, wie aus dem Boden schießender Salon-Pilze, immer härter. „Früher hat man noch den Meister machen müssen, wenn man einen Salon führen wollte“, ergänzt Vater Rolf Hölle die Beobachtung seines Sohnes, der immerhin 25 Jahre lang selbstständig war. „Ein guter Zeitpunkt zum Aufhören“, das war René Hölle klar. Zumal sein mittlerweile 24-jähriger Sohn Benjamin „schon mit zehn Jahren gesagt hat, dass er den Salon nicht übernehmen will“.

 

Damit geht eine Tradition zu Ende, die vor allem auch die ältere Kundschaft schätzte, die auf zuletzt vier Damen-Friseurstühlen und zwei Herren-Friseurstühlen Platz genommen hatte. Für René Hölle stand schon früh fest, dass der Beruf trotz Gehörlosigkeit eine Berufung war. Und letztlich nahm der Vater auch viel auf sich, um seinem Sohn dabei zu helfen. „Ich saß abends in der Abendschule dabei und habe für meinen Sohn das Wichtigste mitgeschrieben“, erzählt er. „Der Lehrer hat viel zu schnell geredet“, sagt sein Sohn, der nach Übernahme des Salons im Jahr 1996 fortan den Kunden die Wünsche im wahrsten Sinne des Wortes von den Lippen ablas.

 

Rolf Hölle dagegen erinnert sich noch gut daran, wie er als Junge zwischen den Friseurstühlen herumsprang. Der Salon, der 1910 von Franz Hölle an der Ecke Salierstraße/Ebersteinstraße gegründet wurde, einige Male umzog und letztlich dann beim Fliegerangriff am 23. Februar 1945 in Nachbarschaft des Goldenen Bock“ vollkommen zerstört wurde, war sein Zuhause.

 

Bereits in den 1910er-Jahren musste Salongründer Franz Hölle sich und seine Familie mit dem Arbeiten an Perücken etwa über Wasser halten, nach der Zerstörung Pforzheims im Zweiten Weltkrieg begann der Neuanfang im Haus des Großvaters Gustav Hölle unter schwierigen Umständen im dritten Stockwerk. Nur durch Beziehungen waren Stühle und Waschbecken zu bekommen; die Kundschaft musste Handtücher und Holz mitbringen, damit warmes Wasser zum Haarewaschen zur Verfügung stand.

 

Von 1948 bis 1989 lebte die Friseurfamilie Hölle recht gut von ihrem Geschäft in der Ebersteinstraße 12. 1967 bis 1996 führte Rolf Hölle mit seiner Ehefrau Eva-Maria (83), die ebenfalls den Meistertitel erworben hatte, den Salon. Dieser zuletzt neben „Hirsch Früchte“ (der die Räume zu seinem Geschäft dazu pachten wird) in der Hohenzollernstraße 68 in eigenen Räumen betriebene Friseursalon war auf seine eigene Art zeitlos. Im Selbstverständnis der Verbundenheit mit Kunden, aber auch mit Lehrlingen, in der Saloneinrichtung. Moderne Strömungen machte man höchstens in Bezug auf die Frisuren mit, moderne Einrichtung war angesichts der überwiegend älteren Stammkunden nach Meinung von René und Rolf Hölle weder angesagt noch gefragt.

 

Heimarbeit: Das Handwerkzeug holt René Hölle seit wenigen Tagen nur noch heraus, um seinem Vater Rolf Hölle die Haare zu schneiden.

 

Sein Friseurköfferchen holt René Hölle nun höchstens noch hervor, wenn bei den Eltern oder der Verwandtschaft ein neuer Haarschnitt ansteht. „Die Männer wollen ja eher immer das Gleiche und es muss schnell gehen“, sagt Rolf Hölle und grinst.

 

- Susanne Roth -